Was geschieht, wenn ein Historiker und Archäologe unter den Prämissen von heute Schlüsse aus der Vergangeheit zieht? Er schreibt ein Buch und hier, in dem vorzustellenden Werk von Ian Morris, ein wirklich interessantes Buch. Interessant deshalb, weil vielleicht noch niemand vor ihm so kühn von der fortschreitenden Art der Energiewirtschaft in den vergangenen zehntausend Jahren auf die sich parallel verändernden sozialen, gesellschaftlichen und machtpolitischen Bedingungen geschlossen hat.

Dabei ist seine Argumentation, durchaus elegant und im besten angelsäschsischen Erzählstil leicht lesbar vorgetragen, gar nicht so überzeugend, wie der im Klappentext selbstbewusst dreinlächelnde Autor zu verbürgen scheint. Aber die Argumente sind doch gut gewählt: die Entstehung der Landwirtschaft nach den Jäger- und Sammlergesellschaften, vielleicht aus der Not sich ändernder Umweltbedingungen entstanden, vielleicht aber auch aus Bequemlichkeit, verdrängt letztlich die Jäger, weil sie den Boden für ihre Äcker braucht, auf dem zuvor die herumziehenden Herden jagbarer Tiere herumstreiften. Die Organisationsbedürfnisse der Bauerngesellschaften wie Landverteilung, Schutz vor Räubern, Vorratshaltung, lässt die ersten Eliten und daraus die ersten Despotien entstehen. Der Wechsel der Beschaffungsform von der Jagd nach dem organisierten Domestizieren von Wildtieren und Wildpflanzen hatte all dies zur Folge, was wir heute Kultur nennen.

Der Beginn der Nutzung fossiler Brennstoffe vor zweihundert Jahren in England, also der Kohle für die ersten Dampfmaschinen, läutet nach Morris bereits den Wechsel zu unserer modernen, demokratischen Gesellschaft ein, weil mit Kohle und Öl genügend Energie bereitsteht, um Muskelkraft zu ersetzen und eine Überschusswirtschaft entstehen kann. Die schlimmen sozialen Auswirkungen in den ersten hundert Jahre dieser „fossilen Revolution“ – Kinderarbeit, Abhängigkeit, Proletariat, Massenverelendung – streift Morris nur am Rande. Eher scheinen ihn die Annehmlichkeiten in den heutigen westlichen Industriestaaten zu beeindrucken.

Nach der Lektüre bleiben sehr viele Fragen zurück, an die man zuvor noch nicht dachte. Das ist ein Hauptkriterium für ein gutes Sachbuch, es soll zum weiterdenken und -lesen anregen. Das schafft „Beute, Ernte, Öl“ ganz leicht, wie nebenbei, was der leichten (zuweilen leicht flapsigen) Tonart im Buch zuzurechnen ist.

Besonders hervorzuheben ist aber die Form, in der sich Ian Morris der wissenschaftlichen Kritik stellt: im Teil „Diskussion“ stehen kritische Texte mit bemerkenswerten Gegenargumenten von WissenschaftlerInnen, darunter eine Philosophin und eine Romanautorin, auf die ein Gutteil der Denkanregungen dieses Buches zurückzuführen sind. In seiner Antwort im dritten Teil des Werks gelingt es Ian Morris nicht ganz die Kritiken auszuräumen. Die nicht aufzulösenden Differenzen aus dieser Diskussion ist der Gewinn aus über dreihundert gut lesbaren Seiten (mit umfangreichen Anmerkungen, Bibliografie und Register über vierhundert Seiten).

„Beute, Ernte, Öl“ von Ian Morris, DVA, München 2020.

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