… fragt ein Artikel in Zeit Online:

„Und wenn ja, wozu? In Kassel hat die Documenta eröffnet und eine aufregende Kontroverse über zeitgenössische Werke entfacht. Jede Documenta entwirft einen Begriff der Kunst. Das ist der Sinn der Documenta: Sie fragt, wie und wozu es Kunst gibt. Das unterscheidet sie von allen themen- oder ortsbezogenen Ausstellungen und vor allem von den Biennalen der Gegenwartskunst. Der emphatische Gegenwartsbezug einer jeden Documenta liegt nicht darin, dass sie aktuelle Kunst zeigt oder ein dringliches Thema inszeniert. Eine Documenta ist nicht gegenwärtig durch ihre Objekte und ihre Themen, sondern weil sie die Frage nach dem gegenwärtigen Begriff der Kunst stellt. Deshalb verwandelt jede Documenta die Frage nach der derzeitigen Lage der Kunst in die Frage nach der Kunst in unserer derzeitigen Lage.

Jede Documenta arbeitet am Begriff der Kunst. Aus diesem Grund ist die Auswahl der Werke weder räumlich noch zeitlich begrenzt. Es war bereits die Absicht der ersten Documenta, Kunst von anderswo zu zeigen. Dafür ist Kassel – seit dem Krieg die Stadt ohne Eigenschaften, eine Stadt, die überall liegen könnte – der beste Ort. Weil Kassel nichts Eigenes hat, ist hier jeder und alles fremd. Das machte den Documentas den Ausgriff auf Kunstwerke von überall her möglich. Eine Documenta zeigt Kunstwerke aus ganz verschiedenen Kontexten. Aber sie stellt die Kunstwerke nicht in ihren Kontext zurück, sondern löst sie aus ihm heraus. Eine Documenta bringt die Freiheit zur Erfahrung, mit der die Kunstwerke den Kontext ihrer Herkunft übersteigen.“

Das liest sich wie eine herbeigezogene Rechtfertigung für etwas, was Jahrhunderte unbestritten war. Die ‚Moderne‘ muß offenbar so grundlegend darüber debattieren, denn die moderne Kunst ist fragwürdig geworden, wie die ‚Moderne‘ selbst. Wer würde heute die seinerzeit stark kritisierte Fertigstellung des Domes in Köln in Frage stellen? Wer die gotische Retabel-Malerei? Ist nicht jeder angetan von den Höhlenmalereien der Cro-Magnon-Menschen oder von Albrecht Dürers Portraits in Nürnberg? Von manchem Werk in Kassel darf man doch fragen, ob es in zweihundert, geschweige denn tausend Jahren überhaupt noch in Spuren bekannt sein wird. Und das eben ist die Fragwürdigkeit: Die moderne Kunst muß sich selbst mit der Frage auseinandersetzen, ob sie etwas Dauerhaftes zur Kultur beitragen will, oder ob sie weiter versuchen will, auch Scharlatanerie, dadaistischer Karneval, eitles Getue gegen die in der Kultur herrschenden Mehrheitsmeinungen durchzusetzen, nur um auf sich selbst aufmerksam zu machen. Solange die Mehrzahl sich vom dort Gebotenen achselzuckend abwendet, gar nicht erst nach Kassel kommt, noch nicht einmal wahrnimmt, was dort veranstaltet wird, kann die Eingangsfrage so beantwortet werden: Kunst ist Ausdruck der Kultur und deshalb brauchen und bewahren wir sie.

Das meiste was in Kassel gezeigt wird brauchen wir nicht; das trifft aber auf die meisten solcher Veranstaltungen zu.

Gefunden in:

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23. Juni 2012

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