Inzwischen hat die Ungleichbehandlung von Frauen und die Diskriminierung anderer Geschlechtsidentitäten Ausmaße angenommen, die vergessen lassen, daß wir im 21. Jahrhundert leben. Auch dann, wenn wir die Zustände nur in Europa oder in den USA betrachten wollten. In Lateinamerika, Afrika, in der arabischen Welt oder Asien sind noch einmal ganz andere Dimensionen von Unrecht anzutreffen, gegen die die schlechtere Bezahlung und die geringeren Aufstiegsmöglichkeiten von Frauen im Westen harmlos erscheinen.

Was aber ist die Ursache, was bringt uns dazu, erst einmal zu fragen wo jemand herkommt, zuerst zu sehen, welche Hautfarbe oder Körpermerkmale jemand hat, herauszufinden, zu welcher Geschlechtsidentität oder zu welcher Religion sich jemand bekennt, bevor wir diesem Jemand das gleiche Recht, den gleichen Wert, die gleiche Würde wie uns selbst zusprechen – oder aberkennen wollen.

Dieses Aberkennen vom Menschenwert, aufgrund geringster Abweichungen von der als normativ empfundenen Durchschnittlichkeit der Urteilenden, ist eine Ausdrucksform von allgegenwärtigen Machtdiskursen, denen wir ständig ausgesetzt sind. Wir sind indoktriniert von diesen. Keine Nachrichtensendung im Radio, keine Zeitungsspalte, kein Internet-Kommentar zu den drängenden politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Fragen – ganz zu Schweigen zu den Flucht- und Vertreibungsproblemen -, ohne daß einem die Urteilskriterien für vermeintliche Voll-, Halb- und Minderwertigkeit nicht aufgenötigt werden – von feinen Andeutungen zwischen den Zeilen bis hin zur unverhohlen dummen Obszönität. Um nur recht ordentlich im Trüben zu fischen und sich der vermeintlichen Mehrheitsmeinung anzubiedern; die auch tatsächlich den mehrheitsfähigsten Machtdiskurs im allgemeinen gerne stützt, weiß sie sich doch dann auf der rechten Seite – nein doch, nicht „rechts“, sondern auf der Seite des Rechtsstaats, selbstverständlich!

Die Verquickung von Kosten und Recht ist inzwischen gelungen: unausgesprochen sehen wir uns vor die Entscheidung gestellt, ob wir uns unsere netteste Eigenschaft, die liebenswürdige Humanität, noch leisten können (oder wollen). Oder ob wir uns aus Kostengründen, mit Bedauern, aber pragmatisch, darauf zurückziehen sollten, daß man eben nicht jedem helfen kann, dem es schlecht ergeht; immerhin können wir doch nichts dafür (… oder?).

So wird den wirklich Notleidenden nur mit verminderter Intensität geholfen, weil es kein so ganz „richtiges“ Recht ist, das Menschenrecht für Alle. Welches auch nur durchsetzbar erscheint, wenn sehr viel Geld dafür aufgewendet wird. Oder wenn man die Möglichkeit hat, vor einem ordentlichen Gericht sein Menschenrecht wirksam einzufordern. Menschen auf der Flucht über das Mittelmeer zu retten fängt an, zu teuer zu werden; Seenotrettung wird inzwischen von den ärgsten Demagogen als Unterstützung für die Schlepper diskreditiert!

Um die wirkliche Gleichstellung der Frauen steht es so schlecht, obwohl seit über 50 Jahren im Grundgesetzt verankert, in der Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen seit fast siebzig Jahren, daß noch nicht einmal gleicher Lohn für gleiche Arbeit garantiert wird. Was sollen unter solchen Voraussetzungen Menschen hoffen dürfen, die eine andere Hautfarbe, eine andere Geschlechtsidentität, eine andere Kultur, eine andere Vorstellung vom glücklichen Leben, von anderen Göttern, von kommenden Paradiesen haben?

Die Diskursführer der Macht, die alten Patriarchen, ihre Palladine und ihre Schergen, die einst das oben gezeigte abstrakte Weltbild zur Machtgenerierung erfunden haben und die für dessen tiefe Verankerung in unserer Kultur durch die Oberhoheit über die Machtdikskurse bis heute sorgen, haben für die Klammern eine ganze Reihe von Attributen aus Jahrhunderten parat, welche sichtbar werden, wenn man p (Persona; Mensch, Du selbst!) durch einfache mathematische Operation herausrechnet: A ≠ ℵ, weiß ≠ schwarz, reich ≠ arm, Kreuz ≠ Halbmond, rechts ≠ links, Anständig ≠ Gleichgeschlechtlich, Normal ≠ Verrückt und so weiter. Das ist die Essenz, der von jeglicher Menschlichkeit entkleidete Machtdiskurs, wie er durch die modernste Errungenschaft, dem totalitären Internet, in millionenfachen Variationen tagtäglich weltweit verbreitet wird;  und er ist nicht nur seit langem schon salonfähig, sondern seit neuestem  sogar Parlamentsjargon.

Dabei wissen wir doch alle, jeder von uns, intuitiv, daß es logisch nur p = p heißen darf; daß p ≠ p Unsinn ist und wir vom jetzigen, optimistisch angenommenen p‘ ≅ p“ zum wirklichen  p = p gelangen müssen, wenn wir uns nicht selbst unsere eigentlichste Eigenschaft, nämlich p, aberkennen wollen. Dann wären wir q (oder sonst etwas), dann wäre tatsächlich q ≠ p.

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Das Titelbild stammt von Joep Bos-Coenraad und ist in Wikimedia Commons unter der Lizenz CC BY-SA 4.0 veröffentlicht

Übrigens: Der Verzicht auf geschlechtergerechte Sprache oder sichtbare Darstellung der Geschlechter in den Texten dieser Internetseiten erfolgt allein aus Gründen der Lesbarkeit und Vereinfachung. Selbstverständlich sind alle Geschlechtsidentitäten in gleichem Maße wertungsfrei angesprochen.

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3. August 2018

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