Merkwürdig diese Besprechung und einige andere, die ich über andere Renaissance-Bücher las. Darin wie hier wird stets ein eher kulturhistorisch nebensächlicher, rein künstlerischer Aspekt in eine epochale Geistesumwälzung hochstilisiert. Die Kunst der Renaissance konnte im Quattrocento doch nur stattfinden, weil die Geldwirtschaft, befeuert durch den Aufstieg der oberitalischen Städte durch Handel, extreme Geldmengen bereitstellte, die etwa von den Medici in Kunst zu einer höfischen Prachtentfaltung investiert werden konnte. Im Cinquecento ist es der Legitimationsverlust der römischen Kirche mit der Reformation in Folge, was die Päpste veranlasste es jenen gleichzutun, mit allen Mitteln Geld aufzutreiben und ihren Machtanspruch durch Prachtentfaltung über Kunst darzustellen. Ausdruck der Renaissance ist die Kunst, diese ist wie alle Kunst Folge des – im Zusammenhang mit Kunst verpönten – materiellen Überflusses in einer Kultur, nicht ausschließlich die einer Geisteshaltung.

Die Kunstgeschichtsschreibung hat offenbar keine Ressentiments, wenn es um eigene Einnahmen geht, namentlich um verkaufte Bücher; wie der Verkauf von Eintrittskarten zu Sonderausstellungen über die Renaissance ebenfalls über jeden Zweifel erhaben scheint. Der Zweck heiligt die Mittel; so wurde in der Renaissance wie auch heute über die Renaissance ordentlich Geld verdient mit der Renaissance.

Den Beweis sehe ich darin, das der Begriff Rinascimento erstmals von Giorgio Vasari, einem Künstler, um 1550 definiert wurde, am Ende der Hochrenaissance also. Hätte der Autor des besprochenen Buches mit seinen Thesen recht, müßte man doch Annehmen, dass ein Literat oder Geisteswissenschaftler ihn früher gefunden haben müßte. So wie auch das Wissen um das Atommodell des Demokrit nicht vorrangig und nicht erst durch das Gedicht des Lukrez auf uns gekommen ist, sondern durch die Schriften Epikurs, die viel verbreiteter waren.


Gefunden in:
http://www.zeit.de/2012/23/L-Greenblatt

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16. Juni 2012

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