Landschaftsmalerei

Jeder der malt, malt etwas aus der Natur. Selbst das zufällige, etwa wenn Gerhard Richter mit dem Rakel die Ölfarbe pfundweise verspachtelt, auf das daraus etwas neues entstehe, ist ja notwendig den Naturgesetzen unterworfen, die im Material mit seinen physikalischen und chemischen Eigenschaften innewohnen. So wie Jackson Pollock richtig sagte, er male keine Natur, er selbst sei die Natur. Die gepriesene Abstraktion mit ihren angeblichen ‚geistigen Eigenwerten‘ unterscheidet sich prinzipiell nicht von naturalistischen oder realistischen Darstellungsweisen. Die Farben selbst sind ja natürliche Erscheinungen. Man braucht nur einmal ein realistisches Landschaftsgemälde zu vergrößern, um zu sehen, das diese Bilder im Kleinen aus vielen abstrakten Bildern zusammengesetzt sind.

Natureindrücke auf Wanderungen und die Betrachtung von Bildern in Büchern führen direkt und am häufigsten zu Bildideen. Schnell erscheint ein neues übervolles, kompliziertes und mit vielen Bezügen überladenes Bild, welches zeichnerisch reduzierten werden muß, bis vielleicht noch drei oder vier Parameter übrig bleiben.

Von ‚Inspiration‘ sollte nicht leichtfertig gesprochen werden, der Begriff ist überfrachtet; das ist ein moderner Mythos, der sich bei genauem hinsehen selten in Bildern feststellen läßt.

Die Natur ist keine Quelle der Inspiration im herkömmlichen Sinne. Der Maler, der in der Natur arbeitet oder wenigstens Naturstudien fertigt, ist zur Malerei förmlich gezwungen, nicht ‚inspiriert‘; das könnte nur ein Komponist sagen, der nach einem Waldspaziergang die richtigen Harmonien für die fehlenden Takte findet, oder ein Dichter, wenn er dann die Reime findet. Inspiration ist der indirekte, in der Natur arbeiten der direkte Weg zum Bild.

Der Begriff ‚Leben‘ wird heute bei jeder Gelegenheit für alles mögliche in Anspruch genommen. Dabei sprechen die meisten alltäglich doch eher von Konsum oder bestenfalls einer Lebensform und verwechseln das mit ‚dem Leben‘. Sie hoffen ‚das Leben‘ in der Stadt zu finden, durch Dinge zu verbessern, oder mittels ‚Beziehungen optimieren‘ zu können. Nach bekannter angelsächsisch-prädestinativer Denkweise bestimmen angeblich ‚Entscheidungen‘ unser Leben usw. Das Wort ‚Leben‘ muss aber zurückhaltend und zutreffend verwendet werden, bezeichnet es doch den existentialen Kausalwert schlechthin. Man findet ‚das Leben‘ eigentlich nur in der Natur, wenn man die Augen für das Unscheinbare öffnet und erkennt, wie abhängig wir von all dem sind.

# # #

17. Mai 2018

Scroll Up