Aus der Sicht des logischen Denkens ist die Verwendung sozialer Medien, kolossale Maschinen zur Beeinflussung Dritter, für Denkende eigentlich ausgeschlossen – falls man nicht gerade eine Untersuchung über die Abgründe menschlichen Verhaltens anstellen will. Die dort gepflegte Sprache und die Formen der Auseinandersetzung, die Themen und die Tatsache, daß fragwürdige Persönlichkeiten den denkbar steilsten Unsinn über diese Plattformen verbreiten um dafür von fragwürdigen Persönlichkeiten Beifall zu erheischen, muss Ernsthafte abschrecken. Es ist auch keine Beruhigung darin zu finden, daß es ja auch potentiell andere Nutzungsmöglichkeiten statt der dort massenhaft betriebenen modern-rationalen Gassenhauerei gibt, daß wenige Vernünftige neben vielen Radikalen dem Ganzen nach außen hin den Anschein braver Unschuld verleihen, oder daß Persönlichkeiten diese Kanäle nutzen, denen nach allgemeiner Auffassung Kompetenz zuzukommen scheint.

Die bekannten zehn Argumente von Jaron Lanier dafür, die eigenen Social media accounts sofort zu kündigen, sind dabei nur in Teilen als Überlegungshilfe brauchbar: die in den Argumenten verwendete apodiktische Sprache ist dieselbe, deretwegen die sozialen Medien zu fliehen sind. Aber in Teilen stimmt es doch nachdenklich, was Lanier vorbringt. Vergegenwärtigt man sich dazu noch, mit wem man auf den sozialen Medien um wessen Aufmerksamkeit konkurriert, dürfte die Entscheidung für oder wider nicht weiter schwer fallen.

Für die Erörterung von Sachverhalten sind soziale Medien, selbst Gewerbebetriebe, strukturell ungeeignet: sie sind für die Abschöpfung sämtlicher erreichbaren personenbezogenen Daten gemacht, wie sie sich durch simple emotionale Anreize aus den Nutzern herauskitzeln lassen, um diese dann an dubiose Gewerbetreibende weiter zu verkaufen, die in den harmlosen Fällen Konsumwerbung aus den Daten entwickeln – oder aber psychologische Profile daraus erstellen, für die sich demokratisch legitimierte Behörden wie auch die Unterdrückungsapparate der Autokraten interessieren mögen.

In Analogie zu den emotionalen Anreizen verhalten sich die Nutzer – denen Sachverhalte ohne Gefühlserzeugungspotential nichts mehr sagen, wenn sie erst einmal lange genug dabei waren – entsprechend emotional. Wie abgerichtete Zirkuspferde folgen sie zuerst den Vorgaben ihrer milliardenschweren Dompteure und dann dem Influencer ganz gleich wohin, wenn sie nur dabeisein dürfen, um am Strom der Zeit ihren Anteil zu haben. So sieht so mancher stetig nach Neuigkeiten gierende Nutzer den Untergang des Abendlandes wieder klar vor Augen, oder befriedigt sein Bedürfnis nach dem Transzendenten, in dem er glaubt, die Grenzen der Demokratie zu erkennen, wenn ihm nicht gleich die Morgenröte einer neuen Zeit aufscheint, bei der er um jeden Preis dabeisein will.

Der Verzicht auf die oberflächliche Plänkelei, die offenbar eine der Hauptfunktionen in den sozialen Netzwerken ist, ist sicherlich ein leicht zu verschmerzender Verlust, der durch die Befreiung von modernen Giften und durch den Zeitgewinn für die wesentlichen Dinge – die ernsthafte Unterhaltung mit Büchern oder Menschen – vielfach aufgewogen werden dürfte.


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14. Januar 2019

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