Das autobiografische Buch von Edward Snowden hinterlässt bei jedem ein ungutes Gefühl. Man muss sich fragen, was denn wohl die Folgen sind aus den Veröffentlichungen des bekannten Whistleblowers. Die US-amerikanischen und britischen Geheimdienste überwachen nach wie vor die gesamte elektronische Kommunikation weltweit. Der Bundesnachrichtendienst ist ein Teil dieses Netzwerks. Nur für US-Bürger ist nach Snowden die verfassungsgemäße Wiederherstellung ihrer Rechte über ihre persönlichen Daten erfolgt, ähnlich den Regelungen zur Vorratsdatenspeicherung bei uns. Wir haben die Entdeckungen und Warnungen von Snowden vergessen. Es scheint uns einfach viel angenehmer, nicht daran zu denken, wer alles mithören und mitlesen kann, bei dem was wir „im Internet“ so alles tun. Nicht einmal Kriminelle sind vorsichtig genug, um Datenspuren im Darknet zu vermeiden, an denen sie durch Ermittlungsbehörden aufgespürt werden können.

Alle müssen damit leben, daß ihre Kontakte, ihre Suchanfragen, ihre Kommunikationen weiterhin permanent aufgezeichnet werden, um daraus auf mögliche rechtswidrige Verhaltensweisen der Betroffenen zu schließen. Generalverdacht über alle. Das lässt sich heutzutage trefflich mit den allgegenwärtigen terroristischen Bedrohungen rechtfertigen. Ein „sicheres“ Internet wird den Nutzern in der Werbung nur vorgegaukelt, um sie bei Laune zu halten, das heist: in Geberlaune, in Verzichtslaune. „Ich habe nichts zu verbergen“ und „von mir aus können sie damit machen, was sie wollen“ ist heute schon der zweite und der dritte Satz in dieser Diskussion. Warum eigentlich plakatieren wir nicht die Litfaßsäulen und Bretterzäune mit Geschichten aus unserem Privatleben? Vor dem 21. Jahrhundert wäre das niemanden in den Sinn gekommen; jetzt, wo es so bequem vom Sofa aus möglich ist, machen wir das wie selbstverständlich.

Weiß noch irgendjemand, welche empörten Proteste die „Volkszählung“ 1987 in der BRD auslösten? Heute haben die Tech-Konzerne bereits die Mittel in der Hand, dem Staat fein differenzierte Analysen über seine Bürger zu liefern, bis herab zum psychologischen Profil über jeden, der den ganzen Tag mit einem Smartphone herumzufuchteln nicht unterlassen kann. Permanenter Zensus ist gar kein Problem mehr.

Es gibt „im Internet“ keinerlei Privatsphäre, noch nicht einmal Ansatzweise. Ein gutes Bild hierzu liefert ein Portraitfoto von Mark Zuckerberg, umgeben von Laptops, an denen die Kamera zugeklebt ist. Alle Welt gibt sich schockiert über die digitale Überwachung in China, während zugleich alle durch den Kauf neuester Geräte und durch die Inanspruchnahme immer neuer Dienste, durch argloses Akzepzieren noch so umfangreicher „Cookie-Richtlinien“ mit Fleiß ein viel effektiveres Überwachungsnetz aufbauen, in dem sie selbst die Kosten dafür übernehmen (!) und ihre peröhnlichsten Geheimnisse sorgfältig in Datenbanken eintragen. Es soll Leute geben, die Alexa in ihrem Schlafzimmer installiert haben. Was wird, wenn dieser Datenschatz einer kommenden Diktatur oder in die Hände fällt? Der Himmel soll uns davor bewahren!

Edward Snowden hat dies alles aufgedeckt und dafür seine bürgerliche Existenz geopfert. Gelobt wurde er von vielen, geholfen haben ihm nur wenige. Im Buch ist das ausführlich beschrieben. Natürlich ist auch etwas Selbststilisierung dabei und das typische amerikanische Pathos des Verfassungspatrioten darf nicht fehlen. Gleichwohl hat er es uns allen deutlich vor Augen geführt: das Internet verkommt durch unser kritikloses Mittun, in dem wir uns gedankenlos von den Tech-Konzernen zu immer weitergehenden Selbstaufgabe unserer Privatsphäre verführen lassen, zur allgegenwärtigen Überwachungsmaschine, in der wenige US-amerikanische Firmen und Geheimdienste das sagen haben. Selbst vor unverhohlener Industriespionage oder dem ausspionieren der Kommunikation befreundeter Regierungen schreckt man nicht zurück, wie Snowden offenbarte und eigentlich jeder noch wissen sollte.

Wir sollten Nachdenken, bevor wir einschalten und uns weiter in infantiler Weise ebenso hemmungslos wie selbstvergessen an diesem gemeingefährlichen Spiel beteiligen. Permanent Record zu lesen hilft dabei.

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25. Februar 2020

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