‚American Dreamer‘ – Portrait Andrew Wyeth
WVZ 1885 aus 2011
Tusche und Tempera auf Leinwand 90 x 130 cm
(verkauft)

Dass Maler einen „Kollegen“ portraitieren ist heute eher ungewöhnlich. Man kennt solche Freundschaftsportraits eigentlich eher im Umkreis der Impressionisten und den frühen Modernen der Pariser Bohéme. Auch gilt die realistische Wiedergabe selbst bei Portraits heutzutage als eher unpassendes Mittel, ‚muss‘ doch alle Kunst dem Abstraktionsgebot, dem Autonomiegebot, dem Ironisierungsgebot und dem Gebot der offenen Deutung folgen, um als solche zu gelten. Dieses Bild folgt diesen Geboten und ist damit moderne Kunst. Was ist an diesem Bild abstrakt?

„Der Tod ist abstrakt“

meint Martin Eller und verweist darauf, dass der Dargestellte schon verstorben ist, seine Person nur noch in Selbstportraits oder Fotografien überliefert ist. Er bezieht sich auf einen bekannten Aphorismus von Epikur, nach dem man den Tod nicht fürchten brauche, weil das Leben den Tod ausschließe wie auch im Tod das Leben ausgeschlossen sei.

„Die Portraits von Andrew Wyeth halte ich für die besten, die in der Moderne in Tempera gemalt wurden.“

Abstrakt ist auch die Zusammenstellung: Nicht eine lebende Person und eine tatsächliche Landschaft ist zu sehen, sondern ein bereits verstorbener Maler mit einem seiner bekanntesten Motive, welches auch noch seitenverkehrt dargestellt wurde.

„Ich wollte den Eingang des Betrachterblickes am Haus haben. Außerdem wirkt das Haus nicht so bedrohlich in seiner seitenverkehrten Darstellung; es gefällt so besser.“

Nach der Auffassung von Martin Eller wird eben jedes Bild von Europäern und Amerikanern quasi zeilenweise von links nach rechts betrachtet, also in der Leserichtung unserer Schrift, was ja auch zu bemerken ist, wenn wir mit unseren Seherfahrungen zum ersten mal etwa japanische Wandschirmmalereien betrachten. Allein aus diesen Freiheitsgraden, die sich Martin Eller herausnimmt, ergibt sich die Erfüllung des Abstraktionsgebotes.

Dass dieses Bild eine autonome Leistung von Martin Eller ist, wird niemand bezweifeln, es gibt „natürlich“ keinen Auftrag und keine von außen an den Maler herangetragene Idee. Was kann uns aber an diesem Bild interessieren, die wir den Dargestellten nicht kennen und vielleicht noch gar kein Bild von ihm sahen? Es ist die Auffassung des Ganzen: Hier ist ein alter Mann mit durchdringendem Blick dargestellt, wie es nur die Malerei kann. Er sieht von uns und von dem Haus weg, ein Farmhaus, welches er gut kannte und das mehrfach in seinen sehr fein ausgearbeiteten Temperagemälden erscheint. Andrew Wyeth sieht ab von diesem Motiv, wie er uns nicht ansieht, ein kauziger Alter, dem schon alles bekannt ist, der im hellsten Sonnenlicht im Freien nur seine Zukunft, vielleicht seinen eigenen Tod sehen kann und der alles andere, uns oder sein Gegenüber, selbst seine wichtigsten Lebensleistungen, hinter sich gelassen hat. Ein scharfer Blick, lebenslang geübt, alles um sich auf das Genauste zu erfassen und gerade durch die Genauigkeit in seiner Arbeit eine metaphysische Dimension des Unheimlichen zu konstituieren. Tatsächlich erscheinen die Bilder von Wyeth eine apokalyptische Stimmung zu verbreiten, ohne das der Bildgegenstand eigentlich Anlaß zu solchen Gefühlen geben würde.

„Das ist es, was mich fasziniert: Andrew Wyeth erkannte, dass nur durch das rein technische Mittel der mageren, stachelig-trockenen Temperamalerei ein unheimlicher Bildeindruck möglich ist, der einem Ölgemälde von Edward Hopper allein aus technischen Gründen schon verwehrt ist; das leuchtet jedem Maltechniker ein.“

Diese Hinweise genügen, um zu erkenen: Das Gebot der offenen Deutung ist erfüllt. Ist das Bild aber auch ironisch zu deuten? Etwa, weil eine „lebendige“ Person, wenn auch in einer früheren Zeit, einem „toten“ Gegenstand aus einer noch früheren Zeit (das Gemälde mit dem Haus stammt aus den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts) zusammengebracht wurde und eine neue Bildeinheit bildet, die „wahr“ sein könnte? Denn: Es ist ja kein Haus, sondern das verdrehte Abbild eines Hauses nach dem Bild eines Anderen, der es wohl selbst nach einem (fotografischen) Abbild malte. Und es ist ja kein lebender Mensch, sondern das Abbild eines Abbildes eines bereits Verstobenen. Obwohl sich also alle Bezüge auf die Vergangenheit ausrichten, scheint es uns dennoch ein „Jetztzeitbild“ zu sein, worauf auch der Himmel im Hintergrund hinweist; dieses Gemälde wurde auf einer Tempera-Studie zu einem früheren Himmelsgemälde ausgearbeitet, womit als drittes Bildelement auch die Gegenwart unseres Malers Martin Eller für immer mit dieser Szene verbunden bleibt; seine Homage an Andrew Wyeth.

Dieses Bild gehört in eine Reihe in Vorbereitung befindlicher Motive, die alle eine zentrale Hauptfigur aufweisen und in ähnlicher Weise gearbeitet sind. In dieser Arbeitsreihe von Martin Eller geht es um die Portaitierung von erfahrenen Menschen in ihrem kulturellen Arbeitsumfeld. Nicht unbeschwerte und freie Verhaltensweisen wie bei den Jugendlichen aus anderen Arbeitsreihen, sondern eher melancholische Befangenheit, Schwere der Alterswürde, die in Vergessenheit geratenen ursprünglichen Bedeutungen ihrer Arbeit sind das Thema, welche im Bild gerade durch die Größenverhältnisse im Vergleich zum Bildformat und der Anordnung wirken. Es sind zeitlose, moderne Bilder, auf den ersten Blick irritierend wirkend, bei weiterer Betrachtung viele Bezugsebenen eröffnend.

Das Bild ist recto mit Kurzzeichen und verso vollständig signiert und numeriert. Das Bild wird mit der laufenden Nummer 1885 im Werkverzeichnis von Martin Eller geführt.

Gründau, im Mai 2011

Anke Ebenbeck

#

14. Februar 2014

Scroll Up