Die Renaissance der alten Männer

Statt die Moderne durch die Postmoderne - oder durch noch bessere Konzepte, die sich leicht finden ließen - zu überwinden, um endlich das einundzwanzigste Jahrhundert zu beginnen, fallen wir gemeinsam in die Torheiten des frühen 20. Jahrhunderts zurück, was den alten Männern einen ungeahnten Aufschwung, vor allem in Politik und Wirtschaft, aber auch in der Kultur und in dem ermöglicht, was peinlicherweise "Geistesleben" genannt wird. Wir erleben die Renaissance des alten Patriarchats zu alter Größe und finden das sehr beeindruckend, wenn nicht sogar anziehend. Anstatt dagegen zu halten, neigen wir gefährlich dem alten dogmatisch-patriarchalischen Unfug zu, gerade so, als ob es keine Lehren aus den infernalischen Kriegen der jüngsten Menscheitsgeschichte gäbe.

 

Ein offensichtlich altbekanntes Problem

Polonius fragt Hamlet, was er denn da lese (2. Aufzug, 2. Szene):

"Lästerungen, Herr; denn der satirische Schuft da sagt, daß alte Männer graue Bärte haben, daß ihre Gesichter runzlicht sind, daß ihnen zäher Ambra und Harz aus den Augen trieft, daß sie einen überflüssigen Mangel an Witz und daneben sehr kraftlose Lenden haben. Ob ich nun gleich von allem diesem inniglich und festiglich überzeugt bin, so halte ich es doch nicht für billig, es so zu Papier zu bringen ..."

Nein, ganz so einfach wäre es nicht zu sagen (und unziemlich für einen, der selbst schon ziemlich alt ist). Sich nur über die Alten zu beschweren, ist zu wenig. Wer genau liest und denkt, sich nicht von der scheinbaren Aktualität überrennen läßt, die unseren Verstand täglich erneuert flutet, kann sich nicht auf bloße Lästerungen oder simple Satire gegen die neuen Patriarchen zurückziehen. Wieder einmal wird nämlich klar, daß wir es selber sind, die die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Zustände zu verantworten haben, weltweit: duch unser kritikloses Mittun, durch dumme Wahlverweigerung, durch einfältiges Desinteresse an allem außerhalb der Privatheit unserer Konsumsucht, durch unsere erbärmliche Obrigkeitshörigkeit. Wir riskieren ohne Not unverantwortlich all die Errungenschaften, die in den Weltkriegen und danach unter schmerzhaften Qualen ertrotzt wurden.

 

Die neuen alten Patriarchen richten sich ein

Offenbar sind in manchen Staaten Grundrechte wie freie Meinungsäußerung, kritische und tatsachengetreue Berichterstattung, gesellschaftliche Teilhabe für Alle, Eigentum, Rechtssicherheit, körperliche Unversehrtheit, Kulturfreiheit und auch Religionsfreiheit, Freizügigkeit und so weiter, allein den Erwägungen alter Männer unterworfen. Und das, obwohl doch sehr viele Verfassungen diese Rechte formal garantieren und die alten Männer einmal durch demokratische Wahlen an die Macht gekommen sind. Ist es also tatsächlich "des Volkes Wille", der ihnen die Rückkehr in die alten Gefilde absoluter Macht ermöglicht? Hitler wurde auf demokratischem Wege an die Macht gewählt und in einer unglaublichen Verstandespreisgabeaktion der "Bürgerlichen Mitte" parlamentarisch zum Diktator ermächtigt. Demokratie allein ist also kein absoluter Schutz vor Zuständen, die - "ganz bestimmt" - nicht für uns Volksgenossen, sondern nur für "die Anderen" gelten sollen, wie die alten Männer versprechen.

 

Die politischen alten Männer und Ihre Kernkompetenzen

Die alten Männer verstehen es auf wunderbare Weise, sich miteinander zu unverbrüchlicher Kameradschaft zu Verschwören und Macht und Pfründen nach fein abgestufter Hackordnung unter sich zu Verteilen. Für das ängstliche und dumme Wahlvolk haben sie leicht zu merkende Glaubenssätze fertig in der Schublade. Aus einer Sammlung aus Jahrhunderten können sie das jeweils Passende heraussuchen. Gerne schlagen sie sich auf die Seite "des Guten", in dem sie zum Beispiel ununterbrochen ihren Glauben an den jeweils wahren Gott bekunden. Das stellt die Nähe zum Volk heraus und lässt den Diktator als den netten Jungen von Nebenan erscheinen, absolut vertrauenswürdig; hat eben in der Schule aufgepasst und sich sein Studium durch Arbeit selbst finanziert und sich hochgearbeitet, Bravo. Na, die paar Unregelmäßigkeiten oder die Fleckchen in seiner Biografie sind doch verzeilich; ist doch ein zäher Hund, kann man nicht anders sagen. Wenn der sagt, das diese und jene Verbrecher sind, die das Volk ausbeuten, oder Terroristen, die seine Sicherheit gefährden, dann stimmt das auch, ganz klar. Und diese "Anderen" fressen auch kleine Kinder und vergiften Brunnen; sie waren schon immer solche "Parasiten", wie einst schon der Opa und die Oma erzählten. Noch schlimmer als "die Anderen" aber sind die elenden liberalen Kolaborateure aus dem eigenen Staatsvolk, die die Sache der "Anderen" reden; Pfui, diese Nestbeschmutzer! -- Das ist der Weg für die Selfmademen unter den politischen alten Männern; und der funktioniert unglaublicherweise immer noch und bringt mitunter die fragwürdigsten, machtbesessensten, senilsten, eindimensionalsten alten Spinner an die Macht oder hält sie dort über ihr Verfallsdatum hinaus  - vor unseren Augen, durch unsere Unterlassungssünden, heute, im 21. Jahrhundert!

 

 

Eine besondere Spezies: die alten Männer der Wirtschaft

Anders ist es bei den führenden alten Männern der Wirtschaft. Die sind oft schon innerhalb des Systems "Wirtschaft" von Kind auf erzogen worden, weil sie potentielle Erben von Unternehmen oder sonstigen großen Privatvermögen oder solchen dienstbar sind.  Ihr Studium ist um einiges härter gewesen als das des alten Mannes in der Politik, der seinen Doktorgrad auch abgeschrieben oder in einer Bananenrepublik gekauft haben konnte. In der Spitzenwirtschaft wird eine gnadenlose Auswahl getroffen, bevor man einen Jungen in den Würdenkreis der inneren Oligarchie aufnimmt, denn diese hat noch viel mehr Macht als die politischen alten Männer zusammengenommen. Die hochspezialisierten Wirtschafter sind der Verdienstadel des Kapitalismus, der zusammen mit dem alten Geburtsadel des Kapitalismus das Geld besitzt. Die ersteren sind die radikalsten Rationalisten, die letzteren die überzeugtesten Traditionalisten. Gemeinsam wirken sie dezent zurückgezogen vom Schnürboden des Marionettentheathers aus. An ihren Fäden hängen die zuvor erwähnten alten Männer aus der Politik, was diesen Volkstribunen natürlich gar nicht gefällt. Also versuchen sie, die absolute Macht zu erreichen, um den Wirtschaftern dann ordentlich auf die Finger zu klopfen, mit durch Erfolg geheiligten Mitteln: allzu gerne fuchteln sie mit Feuer, Hunger und Schwert und Verbreiten Furcht wie apokalyptische Reiter, um Ehrfurcht zu erzwingen - das ist die ganze Dramatik, die tagtäglich die Nachrichten füllt: die vielen Kriegsereignisse weltweit sind die Folgen des unseligen Machtkampfes der alten Männer, für den junge Männer sterben müssen und Kinder und Frauen gleich zu Tausenden geopfert werden.

 

Alte Männer im Kulturbetrieb und die Kontinuität der Macht

Noch vieles ließe sich aufführen, alte Männer im Kulturbetrieb etwa, die selbst als ehemalige linke Avantgarde die bürgerlich-wertkonservativen Sessel durch zähe Beharrlichkeit eroberten. Jetzt machen sie Moderne, in dem sie die ihnen gefällige Kunst zulassen und hier und da einen hündisch ergebenen, aber nichtsdestoweniger "kühnen, sehr sehr wichtigen Künstler" fördern, der ihr Lebenswerk später vielleicht einmal fortführen kann. Denn das ist eine Gemeinsamkeit alter Männer: von ihrem Sendungsbewußtsein getrieben und aus absoluter Treue zu ihren tiefsten Überzeugungen sehen sie sich in der Pflicht, die nächste Generation alter Männer heranzubilden, um den unantastbaren Fortbestand der Macht und des Kapitals abzusichern. Dies schafft die wertkonservative Kontinuität, der sie sich - als im Innern ängstliche und ärmliche Persönlichkeiten - mit Leib und Seele verschrieben haben. Schaut man in die Biografien der mächtigen Männer, sieht man viel Leid und Erniedrigung in deren Kindheit, die im zäh verteidigten Machtanspruch des Altgewordenen ein psychologisches Ventil findet.

 

Wenig Hoffnung durch die wenigen Frauen

Natürlich gibt es auch Frauen, die sich gerne mit Männern messen wollen und in der Tat nicht selten sehr viel Intelligenter sind. Vielleicht waren sie ursprünglich sogar einmal dazu angetreten, etwas in der Welt gegen die alten Männer zu verbessern. Ihr Vorgehen ist sublimerer Art und vermeidet unnötige offene Auseinandersetzungen, wobei natürlich das fehlende Testosteron den Frauen zugute kommt. Leider ist unter diesen Frauen ein Hang zu beobachten, mit der Zeit die alten Männer so gut wie möglich nachzuahmen, zumindest was das Technische der Macht angeht. Ein Matriarchat oder wenigstens ein feministisch inspiriertes Patriarchat wird dadurch schwerlich entstehen. Dies ist aber auch gar nicht mehr nötig, wenn man die Vorteile von Macht und Geld - nämlich: die Kompensation von Minderwertigkeitskomplexen - auch als anerkannte alte Frau unter alten Männern vortrefflich nutzen kann.

 

Die alten Kriegstreiber und Kriegsgewinnler

Für Denkende wäre das Ganze kein so großes Problem, würden nicht die alten Männer die Kriege heraufbeschwören, herbeireden oder notfalls überfallartig anfangen, wobei die dreistesten Lügen als Begründung schamlos behauptet und danach einfach ständig wiederholt werden. Das ist dann "Wahrheit" und der vom Zaun gebrochene Krieg "Notwehr" zum Schutze des Volkes - genauer: der Kapitaleigner, die Alter Egos der alten Männer. Wieviel unschuldiges Blut dafür fließt, wie vielen Kindern kollateral die Beine abgerissen werden oder an Kriegsfolgen wie Seuchen und Hunger zu Grunde gehen, ist egal, wenn nur das Ziel erreicht wird: wenn die alten Männer hinterher die Macht und das Geld besitzen. So haben wir in unserem gerade begonnenen Jahhrundert schon mindest fünfundzwanzig Kriege mit mindest acht Millionen Toten, in erdrückender Mehrheit unschuldige Zivilpersonen, Tendenz weiter und schneller steigend. In weniger schlimmen Fällen bauen alte Männer noch größere Mauern, richten allerlei Schranken auf oder grenzen die Anderen aus, wollen lückenlos Kontrollieren, wer was mit wem weshalb zu reden und zu schreiben hat. Oder wer was liefern darf, zum vorbestimmten Preis natürlich; wer nützlich ist oder getrost verhungern, verdursten oder auf der Flucht umkommen kann.

Einzige Lösung: in den Ruhestand versetzen

Was also ist dagegen zu tun? Die alten Männer mit Ihren alten Konzepten nach Hause schicken! Zum Kaninchenzüchten oder Schmetterlinge fangen oder Kartenspielen; in bestens ausstaffierten Villen in angenehmen Parks gelegen, mit der Kommandogewalt über genügend Personal sollen sie hundert Jahre alt werden. Behütet durch zackige Wachmänner in Fantasieunformen und bemuttert durch nette Krankenschwestern sollen sie sich gerne mit Sandkastenspielen ihrer ehemaligen Schlachten beschäftigen dürfen, bis es Schlafenszeit ist und der Beichtvater kommt.

 

Die Ausnahmen, die die Regel bestimmen

Sollte es hingegen den einen oder anderen Alten geben, dem man nützliche Gedanken für die Zukunft aller Menschenkinder zutraut, so sollten deren Konzepte in ernsthafte Überlegungen der Jungen durchaus einfließen; dafür gibt es Bücher mit dem Erfahrungswissen derjenigen, die noch nicht vergessen haben, daß sie selbst einmal jung waren, wie sich Ohnmacht anfühlt und wie bitter schreiendes Unrecht ist.

 

Kurzfristig keine Besserung in Aussicht

Doch die Aussichten auf kurzfristige Änderungen sind gering. Zuerst noch müssen die alten Männer, die jetzt gerade an der Macht die Schicksale von hunderten Millionen bestimmen, so katastrophale Fehler machen, daß es noch dem letzten Desinteressierten, "sein eigenes Ding" Machenden einfällt, von seinem Wahlrecht mit Verstand gebrauch zu machen - so lange er überhaupt noch eine Wahl hat. Mit Verstand wählen: nach eingehender Prüfung gegensätzlicher Meinungen aus vielfältigen Informationsquellen auf der Grundlage wenigstens rudimentärer Geschichtskenntnisse. Dazu müssen die billigen Reklametricks der politischen alten Männer, die auffallend viel mit jungen Gesichtern aus ihrer Gefolgschaft werben, ebenso durchschaut werden wie die geraunten Drohungen der alten Männer der Wirtschaft von wegen Arbeitsplätzen, die verloren gehen, oder Wohlstand, der sich vermindern, oder - beim Himmel! - der Kultur, die überfremdet werden könnte.

Abzuwählen sind die Trittbrettfahrer der alten Macht, die den alten gemeingefährlich Unsinn von rechts und links als würdige Tradition und für unserer Zeit als heilbringend verkaufen wollen. Nicht um dem "Volke zu dienen", sondern um auch an Pfründen zu kommen, endlich auch mal wer zu sein, reden sie den hämischen Schwachsinn, den die Dummen mit dümmlicher Freude erwarten. Es sind auffällig viele alte Männer unter ihnen, die junge und sogar weibliche Gesichter haben; einer sieht aus wie ein verzogener Lausbube. Nur am Inhalt ihres demagogischen Geschwätzes sind sie als alt und überkommen erkennbar.

 

Wo und wie anfangen?

Wir müssen zuerst bei uns selbst anfangen. Aus vielen Quellen lesen, nachdenken, kritische Gedanken denken und gegensätzliche Meinungen aushalten, junge Leute zum lesen und denken bringen, endlich gemeinsam die Verantwortung übernehmen und künftig gemeinsam weitertragen. An die Jungen denken, an die Zukunft denken; dazu brauchen wir junge Köpfe mit Verstand, die eine Zukunft haben und sich deshalb dafür einsetzen, daß auch alle Anderen eine Zukunft haben.

Alte Männer haben keine Zukunft, nur Vergangenheit.

 

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2017-09  Durchgesehen, Textgestaltung verbessert; Überschriften hinzu, um das Textbild lesbarer zu machen (nach den sog. "SEO-Regeln") 
2017-05  Erstveröffentlichung.