„Es ist keine gute Praxis möglich ohne gute Theorie.“

Leonardo da Vinci

„Das reproduzierte Kunstwerk wird in immer steigendem Maße die Reproduktion eines auf Reproduzierbarkeit angelegten Kunstwerks.“

Walter Benjamin

„Kunst ist Entbergung des Seins des Seienden.“

Martin Heidegger

„Bemalte Leinwände sind Löcher ins Ideale, durchgebrochen durch die stumme Realität der Mauer …“

José Ortega y Gasset

„Das ‚Werk’! – es ist Trug! … Es ist etwas, wovon der Bürger möchte, es gäbe das noch.“

Thomas Mann

„Es ist fraglich, ob die Natur überhaupt ‚aussieht‘. Es ist fraglich, ob die Welt einen festen Aspekt bietet“

Willi Baumeister

„Ein Bild muss wirken wie eine geniale Improvisation.“

Arnold Böcklin

„Quand la couleur a sa richesse, la forme a sa plénitude.“

Paul Cézanne

„Was zu den menschlichen Zeiten van dem meinsten Teil schön geachtt würd, des soll wir uns fleißen zu machen.“

Albrecht Dürer

„Mir dagegen ist die Klarheit, die Durchsichtigkeit, selbst Zweck.“

Ludwig Wittgenstein

„Das logische Bild zeigt das, was a priori als Gegenstand im Bild möglich gewesen wäre.“

Martin Eller

Zitate

Hypomnemata

Nachfolgende Zitate von Martin Eller zu Kunst und zur Malerei, gesammelt von Anke Ebenbeck, für die chronologisch-biografische Textsammlung "Hypomnema":

 

Kritik

Über Kritik

Auf einer Ausstellung trat eine gut gekleidete, schmuckbehangene und übermäßig wohl riechende Dame zu mir, wies mit dem Weinglas in der Hand auf eines meiner Bilder und fragte: 'Und davon können sie leben?' Ich verneinte und erklärte ihr, alle fünf Stunden essen zu müssen.
Diese totschlagsargumentative Fragestellung ist bei einem Teil selbsternannter Kunstkritiker recht beliebt. Sie ist ein guter Grund für Künstler, sich von Ausstellungen eigener Arbeiten fernzuhalten. Einen Herrn, der mich bei anderer Gelegenheit im selben Sinne fragte, fragte ich zurück, was er beruflich mache. Er erklärte mir, in etlichen branchenüblichen Anglizismen, er sei ein Computerfachmann. Ich stellte ihm darauf die Gegenfrage, wie man davon Leben könne, wenn man den ganzen Tag nur nach bestimmten Reihenfolgen auf Knöpfe drückt.

 

Lebensbegriff

Der Begriff 'Leben' wird heute bei jeder Gelegenheit für alles mögliche in Anspruch genommen. Dabei sprechen die meisten alltäglich doch eher von Konsum oder bestenfalls einer Lebensform und verwechseln das mit 'dem Leben'. Sie hoffen 'das Leben' in der Stadt zu finden, durch Dinge zu verbessern, oder mittels 'Beziehungen optimieren' zu können. Nach bekannter angelsächsisch-prädestinativer Denkweise bestimmen angeblich 'Entscheidungen' unser Leben usw. (Neben der griechisch überlieferten altsumerischen Annahme der Leib-Seelentrennung kann diese als das Credo der angloamerikanischen Kultur bezeichnet werden, welches noch jedem amerikanischen Film die Dramatik zu liefern hat). Das Wort muss aber zurückhaltend und zutreffend verwendet werden, bezeichnet es doch den existentialen Kausalwert schlechthin. Man findet 'das Leben' eigentlich nur in der Natur, wenn man die Augen für das Unscheinbare öffnet und erkennt, wie abhängig wir von all dem sind.

 

Moderne Technik

Unsere modernen technischen Umgebungen, die Städte mit ihren Autotrassen und den Betonbauten, den Konsumtempeln, in denen wir unsere neue Religion praktizieren, sind kausal das Gegenteil von 'Leben'. Diese Kulturererrungenschaften sollen uns, gleichsam zu 'unserem eigenen Wohl', aus dem symbiotischen Kreis der Natur isolieren, mit den bekannten Umweltfolgen (anders etwa wie die 'Stadtorganisationen' staatsbildender Insekten, die energetisch perfekte Anpassungen an die Natur sind). Ursprünglich war die Technik, deren sichtbarster Ausdruck die befestigte mittelalterliche Stadt war, dazu gedacht, die Kultur zu verbessern, die humane Existenzangst zu mindern, 'die Sicherheit' zu erhöhen. Heute wird die moderne Technik, deren sichtbarster Ausdruck die "megacitys" sind, zu Perfektionierung furchterregender Waffen, unsinniger Konsumproduktionen, sozialer Ausbeutung widernatürlich und außerkulturell verwendet; sie selbst ist die 'Moderne', auf die uns so viel einbilden. Sie ist die Feindin des Lebens, wo sie den Triumph der Technokratie zum Ziel hat.

 

Über Postmoderne

Der Begriff 'Postmoderne' ist Unsinn; heute leben wir in der Moderne. Die hat Anfang der neunziger Jahre erst richtig begonnen, mit dem Ende des Zeitalters der Ideologien, nach dem Fall des eisernen Vorhanges und der immer fraglicher werdenden Rolle, die der andere große "ismus", der Kapitalismus, danach spielte, und wie er uns in das Zeitalter der Bürgerkriege führte. Was kunsthistorisch als Moderne bezeichnet wird, etwa ab dem Impressionismus um 1870 in Paris bis zum zweiten Weltkrieg, als der deutsche Expressionismus von den Nationalsozialisten abgewürgt wurde, ist eine prämoderne Phase. Das ist auch zu sehen an dem vielen auf und ab in dieser kurzen Zeit und dem grundstürzenden Wandel, die Kunst und Künstler innerhalb weniger Jahrzehnte durchlebten. Nach dem Krieg bis Anfang der neunziger Jahre war hier in Europa der Aufbruch in die Moderne. In Amerika waren sie natürlich viel weiter, weil freier.

 

Über "Kitsch"

Die Richter, die das abfällige Urteil "Kitsch" so gerne fällen, sind häufig einer "post-postmodernen urbanen Lebensform" zuzurechnen. Sie beziehen die Regeln fertig aus den Offenbarungen von Kunstkritikern und Kuratoren. Weiter sehen sie sich durch die Auktionsumsätze und dem Rummel um eine handvoll umsatzstarker Künstler weltweit in Ihrer tiefen Einsicht bestätigt. Ihr Richtschwert ist die Argumentation aus dem Feuilleton und die auf "partys" angeeigneten Vorurteile selbsternannter Auguren, ihr Gesetz die Selbstgefälligkeit erfolgreicher "business-people". Ihre Denkmethoden gleichen dem "mindmapping", mit der sie auch die großen Schrifttafeln der Sonderausstellungen "scannen". Sie besitzen wohl mehr als einen Kunstbildband und haben auch schon mal eine Kunstmesse besucht. Vielleicht haben sie sogar ein Werk eines hoffnungsvollen chinesischen Nachwuchskünstlers zu Hause in Ihrem "loft" hängen, welches man so nur in der "city", Berlin oder London, kaufen kann; oder in ihrem Landhaus mit dem kitschigen Schmiedetor und den noch kitschigeren Dachpfannen Typ "Mediterracotta". Ihr kitschiges "suv" vor der Tür im Parkverbot und ihr noch kitschigeres "smartphone" werden zusammen mit Ihrem Kitsch-"job" nur noch von ihrem kitschigen "wellnes-Urlaub" in so einem kitschüberladenen "Spa" überboten. Ihre Bildung frischen sie mittels kitschiger "Cataloques" auf, aus dem sich einfach Weinlagen und "labels" des ganzen Kitsch-Konsumkrams für "Privilegierte mit Anspruch" auswendig lernen lassen, womit sich dann beim "brunch" so trefflich "talken" läßt. Schick ist auch der kitschige Feigenblattkonsum, "fair trade" und so weiter.

 

Gerhard Richter

Lakonisch fand ich die Bemerkung Gerhard Richters auf die Frage, was er von den hohen Versteigerungserlösen für seine Bilder halte: er finde diese 'absurd, absurd wie diese Finanzkrise'. Als habe er gar keinen Einfluß auf die Preise für seine Arbeiten oder als profitierte er und die seinen nicht direkt davon. Eine enttäuschend durchschaubare Form vorgeblicher Selbstbescheidung. Die Spekulation auf seine Werke haben ihm alle materiellen Güter eingebracht und noch viel mehr, als seine Familie bis in die Dritte Generation braucht. Unlängst traf ich ihn zufällig in einem Musumscafé, gerade nach dem ich mir eine Arbeit von ihm aus den 60ern angesehen hatte, nur in Begleitung einer Frau. Ich hätte ihn gerne darauf und auf vieles anderes angesprochen. Er blieb unerkannt und wahr wahrscheinlich froh, mal in Ruhe gelassen zu werden, so nahm ich Abstand davon. Er ist ein alter Mann. Längst schon, so scheint es mir, haben andere, ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen bedenkend, die seinen in die Hand genommen.

 

Über öffentliche Subventionen

Subventionen oder Förderungen machen die Kunst nicht besser; im Gegenteil, dies fördert das althergebrachte und verhindert das Engagement der Bürger, weil ja schon die Öffentlichkeit für die Kunst sorgt. Dadurch sieht man in jedem Ort die selben Skulpturen und die selben Bilder in den öffentlichen Räumen, die dann nur noch als Hintergrund dienen, wenn der Politiker "interviewt" werden, oder den selben platten eisenoxidfarbenen Leinwandhintergrund im Schloß Bellevue, immer zu sehen, wenn einer unsrer vielen Bundespräsidenten der Presse etwas mitzuteilen hat. Wer hat denn Dürer oder Cézanne öffentlich gefördert? Und wer kennt noch die vielen durch großzügige öffentliche Ankäufe geadelten Salonmaler-Fürsten im zweiten französischen Kaiserreich? Geblieben sind die außerakademischen Impressionisten.
Subventionen sind anfangs vielleicht ganz gut, wenn man etwa die kleinen Bauernhöfe erhalten will, die die Landschaft bis in das kleinste Pflegen. Sind Subventionen erst einmal institutionell etabliert, werden die potentiellen Empfänger zunehmend davon abhängig. Es geht dann nicht mehr darum, was der Künstler tatsächlich leistet, sondern wie öffentlich-förderwürdig er erscheint. Zu sehen in den Kategorien "öffentliche Ankäufe" mancher Künstlerbiografie. Dann werden nur noch wenige "Große" beauftragt; Van Gogh konnte in Arles noch nicht einmal beim Bäcker ein Brot gegen seine Kunst eintauschen, die heute Millionen wert ist. Die hochgelobte, vollständige Ausmalung des Domes in Speyer im 19. Jahrhundert, mit öffentlichen Mitteln durch eine damalige Kunstgröße realisiert, mußte wieder entfernt werden, weil sie den schlichten romanischen Bau auf das scheußlichste entstellte - nur ein Beispiel für die vielen ins Falsche gehenden Kunst-Subventionen.

 

Über Sonderausstellungen

Die wenigsten großen Ausstellungen lohnen den Besuch wirklich; die Kuratoren gehen auf Nummer sicher, die haben es auch schwer. Wenn ein Künstler tot ist, kann man sein Werk abschließend katalogisieren, einordnen, bewerten und 'wiederentdecken'. Es gibt ja so viele Kuratoren-Entdeckungen das man sich wundern muß, wie viele Maler schon in der Vergessenheit versunken waren. Das Ganze ist ausschließlich dem Verkauf von Eintrittskarten geschuldet. Ich mag deshalb keinen solchen Kunstrummel, in denen sich die Leute an Bildern vorbeidrängen, die das ganze Jahr über in der ständigen Sammlung beinahe unbeachtet hängen. Ist aber eine Museumsausstellung richtig ordentlich beworben, 'entdecken' die Besucher auf Geheiß der Kuratoren dann auch was 'neues' oder einen 'neuen Kontext', die Daseinsberechtigung für den überbordenden deutschen Museumsaustellungsbetrieb. Das wirkt auf mich schildbürgerhaft. Besonders scheußlich ist die 'moderne' Präsentation in Fensterlosen, abgedunkelten Räumen mit "spotlights" auf den Bildern und den großen albernen Texttafeln. Das ist eine Entstellung; Bilder müssen unter Tageslicht betrachtet werden.

 

Über Reproduktionen

Walter Benjamin hat in seiner kunstheorethischen Schrift Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit die Aura des Kunstwerkes durch Unnahbarkeit, Echtheit und Einmaligkeit zutreffend definiert. Diese Ansichten können nicht sinnvoll bezweifelt werden, wie auch die nicht zum gleichen Thema von Ernst Gombrich und Theodor W. Adorno. In der Malerei findet ‘Kunst’, wenn überhaupt, nur im Original statt; in einer Reproduktion, gleichgültig wie technisch Perfekt diese ausgeführt sei, ist sie nicht erfahrbar.
Nun kann nicht jeder sich ein Originalkunstwerk leisten, oder man ist vernarrt in einen Cézanne, den kein Museum gegen noch so viel Geld, wenn man es denn hätte, herausrücken würde. Oder ein Original ist bereits verkauft. In diesen Fällen ist eine Reproduktion einziger Ausweg und daher legitim. Es ist besser, man hat von einem guten Originalkunstwerk einen guten Kunstdruck zu Hause an der Wand, schön eingerahmt, als gar kein Bild. Auf Papier läßt sich die Farbtiefe ja auch wirklich gut reproduzieren. Aber: die überall zu beobachtenden Versuche, diese unsäglich flachen, durch die Lichtstreuung am Fadenkorn farbschwachen, kontrastarmen ‘Giclée-Drucke’ auf ‘Künstlerleinwand’, nichts anderes als billige Tintenstrahldrucke auf einem Maschinengwebe, als ‘Originale’ und ‘limitierte Auflagen’ zu stilisieren und den Leuten eine Menge Geld dafür abzunehmen, ist da ja auch noch ein ‘Künstlerkeilrahmen’ aus ‘echtem’ Holz dran, grenzt an arglistige Täuschung und ist typisch für unsere Zeit, in der der Zweck, der Gewinn, jedes Mittel heiligt.

 

Weltanschauungen

Heutiger Kunstanschauung widerspricht die Verwendung von Termini, die auf "-ismus", Weltanschauung, enden; kann doch gegenwärtig nicht einmal von einer (einheitlichen) Kunstepoche gesprochen werden, die Urteile über Weltanschauungen in der Kunst fällen könnte. Was von Künstlern vorgetragen wird und wie sie es darstellen, ist zum ersten Mal in der Geschichte in unseren Tagen wirklich frei. Die fragliche und unzeitgemäße Anwendung von überholten Stilepochen-Bezeichnungen seitens der Kritik zwängt heutige Künstler und ihr Werk in Schubladen, die selten auf ihre wirklichen Absichten zutreffen.

 

Philosophie

Kausalität in der Kunst

Es ist eine philosophische Dummheit zu behaupten, die Kunst entwerfe die Welt, damit wir sie dann bewohnten. Die Kausalität darf nicht außer Acht gelassen werden, sonst geht die mühsam erarbeitete Glaubwürdigkeit der Kunst verloren. Das Solipsismusproblem wurde in der Philosophie vor 80 Jahren schon gelöst. Es wird Zeit dies endlich auch in der Malerei bewußt zu machen, damit solche unsinnigen Behauptungen unterbleiben.

 

Der Konstruktivismus bei Kant

Wir 'konstruieren' uns keine Welt, wir finden sie 'fertig' vor ... Unser Wahrnehmungsapparat ist nicht weiter konstruktivistisch, wie er Mängel in der Wahrnehmung oder fehlendes Wissen, fehlende Erfahrung durch Interpretation auszugleichen sucht. Wird die Wahrnehmung etwa durch Wissenschaft und ihre Meßmethoden erweitert, ändert sich die Wahrnehmung entsprechend. Was wir 'konstruieren' ist rein technisch, von kurzer Dauer und vom energetischen Wirkungsgrad her nicht konkurrenzfähig mit den evolutionär optimierten Organismen.
Unsere Hybris gegenüber der Natur wird uns an den Rand der Katastrophe führen.

 

Leben versus Tod

In einer Wiese im hellen Sonnenschein sehen die Leute nur Lebensbejahung, Schönheit, Reinheit. Sie sehen nicht den Tod, der überall im Verborgenen das Drama dominiert, welches sich ständig und gerade auch in schönsten Momenten in der Natur abspielt. Die Wenigsten saßen eben schon einmal stundenlang in einer Wiese, etwa zum Malen, und kennen daher das dortige, das wirkliche Leben kaum.

 

Existentialphilosophie

Heidegger zu lesen und zu erkennen, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens eine tautologische Fragestellung ist, oder Wittgensteins Sprachphilosophie wenigstens in Ansätzen anwenden zu können, um die überall verwendeten, metaphysisch verklärten Redewendungen über den Sinn (des Lebens) als Unsinn entlarven zu können, half mir zu verstehen und anzunehmen ... Es gibt gute Gründe für und gegen die Argumentationen rund um den 'Sinn'. Sie entspringen dem Mißverständnis unserer Sprache und der falschen Anwendung der Grammatik. Sie beruhen auf dem scheinbar selbstverständlichen Anthropozentrismus, nach dem wir es gewohnt sind, alles von uns aus, sub specie humanitatis, zu betrachten: immer noch sehen wir uns gerne im Zentrum des Weltalls und als das Ebenbild Gottes. Das Leben und damit unsere Existenz an sich ist aber keine besondere Ausnahmesituation, kein Wunder, etwas, was von von irgendeinem Betrachterstandpunkt nach psychologischen Sinnkriterien zu beurteilen wäre. Leben ist eine physikalische und in Folge chemische und biologische Bedingung auf unserer Erde, die es so oder so ähnlich noch auf vielen Planeten im Universum geben wird.

 

Malerei

Die Leistungen in der Malerei heutzutage stehen der Qualität der Werkstoffe nach; früher war es umgekehrt.

 

Zeichnungen

Zeichnungen sind Entwicklungsgeschichtlich vor der Malerei einzuordnen. Zeichnen ist die erste bildhafte Äußerung des Frühmenschen (der bald auch die flächige und freie Malerei entdeckte). Aus Linien und Punkten, optischen Singularitäten also, entstehen Grundstrukturen, die bildhafte Verständigung ganz ohne Farbe ermöglichen. Zeichnungen sind reine Abstraktionen. Koloriert oder teilübermalt stehen sie zwischen der Zeichnung und der Malerei. Zeichnerisch kann jede bildhafte Situation entworfen werden. Die ihr eigene Reduktion auf das absolut notwendige an Darstellungsmitteln bei gleichzeitiger vollständiger bildhafter Informationsübertragung erfüllt den Anspruch des Hedonismus an die Kunst.

Entwürfe und Skizzen zu machen für etwas, was ich mir vorstellen will, ist mir schon seit Kindheit etwas selbstverständliches. Zeichnungen und vor allem ausgearbeitete Pastellarbeiten oder Aquarelle als eigenständige Arbeit anzusehen, liegt mir aber nicht. Wiewohl es z. B. im 18. Jahrhundert in Frankreich und England herausragende Meister in diesen Techniken gab. Ich sah in Zeichnungen schon immer etwas vorläufiges, einen Plan, den es noch auszuführen gilt, einen Entwurf oder eine Notiz zu einer Idee, mehr nicht. Bis heute lösen sich die Zeichnungen selbst der alten Meister für mich nicht wirklich vom Charakter einer technischen Zeichnung, wie ich sie in meinem früheren Beruf zu hunderten anfertigte. Das mögen Kunstsachverständige für dilettantisch halten, ich kann doch nur den Versuch, das Potentielle in Zeichnungen sehen; obwohl ich selber schon viele Gemälde dabei verdorben habe, wenn ich sie 'vollenden', über den Inhalt der Zeichnung hinaus kommen wollte.

 

Die Natur als Bedingung der Malerei

Jeder der malt, malt etwas aus der Natur. Selbst das zufällige, etwa wenn Gerhard Richter mit dem Rakel die Ölfarbe pfundweise verspachtelt, auf das daraus etwas neues entstehe, ist ja notwendig den Naturgesetzen unterworfen, die im Material mit seinen physikalischen und chemischen Eigenschaften innewohnen. Es gefällt mir daher sehr gut, wenn Jackson Pollock sagt, er male keine Natur, er selbst sei die Natur. Die gepriesene Abstraktion mit ihren angeblichen geistigen Eigenwerten unterscheidet sich nicht prinzipiell von naturalistischen oder realistischen Darstellungsweisen. Die Farben selbst sind ja natürliche Erscheinungen. Man braucht nur einmal ein realistisches Landschaftsgemälde zu vergrößern, um zu sehen, das diese Bilder im Kleinen aus vielen abstrakten Bildern zusammengesetzt sind.

 

Abstraktion und Interpretation als Bedingung der Malerei

Unsere 'Realitäten' sind keine Entitäten. Jede Malerei ist allein schon aus physikalischen Gründen notwendig Abstraktion und Interpretation. Unsere Seinsbedingungen sind durch unsere Kultur, folglich also durch unsere Herkunft bestimmt und zumeist dauerhaft festgelegt. Eine realistische Malerei im strengen Sinne des Wortes, nämlich für jeden denkbaren Betrachter gleichermaßen 'realistisch', gibt es daher genauso wenig wie Malerei vor jeder Erfahrung.

 

Über Maler versus Künstler

Ich bin Maler, ich mache Bilder; nenne ich irgendwem meinen Beruf, hält derjenige mich für einen Anstreicher, weil es als selbstverständlich gilt, den übergeordneten Begriff 'Künstler' zu nennen anstatt zutreffend das Fach, in dem man arbeitet. Als 'Maler' entgeht man eher den fruchtlosen Diskussionen mit Besserwissern. Bei Thomas Mann sagt der Künstler Adrian Leverkühn* verächtliches über Kunst und den Künstler als Begriffe, als handele es sich um eine bloße Fassade, ein angehängter Signifikant, welcher mit 'Genie' assoziiert werden soll. Tatsächlich glaube ich nicht, das die großen Maler und Bildhauer den ganzen Tag mit dem Gedanken beschäftigt waren, ob sie dieses oder jenes tun oder lassen sollten, um ja als rechter Künstler zu erscheinen. Wenn Pablo Picasso recht hat, ist der Künstler derjenige, der ausschließlich von seiner Kunst lebt und nicht etwa noch Taxi fährt nebenbei. So gesehen wäre ich schon 20 Jahre Künstler. Er sagte aber auch, das ein Maler malt, was er verkauft, und ein Künstler verkauft, was er malt. Danach bin ich erst ein paar Jahre ein Künstler. Die oft beschworene Künstlerpersönlichkeit ist nicht so wichtig, wie manche gerne tun oder behaupten, obwohl die ganze Branche der Kunstbiografen von diesem Mythos lebt. Viel wichtiger sind doch die Erfahrungen aus der Zeit, in der ein Maler lebt, und womit er sich beschäftigt.

*in dessen Roman Dr. Faustus, Anm.

 

Über Inspiration

In meinem Bild geht es um Logik und Relationen, nicht um 'Inspiration' oder 'Emotionen'; was a priori als Gegenstand im Bild möglich gewesen wäre. Es hat die Form ƒ(x,y), die Bild-Zeichen verhalten sich wie aℜb zueinander. Nicht die 'Erhabenheit der Natur', sondern das einfache so sein, wie es ist, erscheint mir überhaupt je bildwürdig gewesen zu sein.

Natureindrücke auf Wanderungen und die Betrachtung von Bildern in Büchern führen bei mir am häufigsten zu Bildideen. Schnell erscheint mir ein neues übervolles, kompliziertes und mit vielen Bezügen überladenes Bild, welches ich zeichnerisch reduzieren muß, bis vielleicht noch drei oder vier Parameter übrig bleiben. Von Inspiration mag ich nicht gern reden, der Begriff ist überfrachtet; das ist auch so ein Mythos, der sich bei genauem hinsehen selten in Werken zeigt ... Die Natur ist keine Quelle der Inspiration in diesem herkömmlichen Sinne. Der Maler, der in der Natur arbeitet oder wenigstens Naturstudien fertigt, ist zur Malerei förmlich gezwungen, nicht 'inspiriert'; das könnte nur ein Komponist sagen, der nach einem Waldspaziergang die richtigen Harmonien für die fehlenden Takte findet, oder ein Dichter, wenn er dann die Reime findet. Inspiration ist der indirekte, in der Natur arbeiten der direkte Weg zum Bild.

 

Was ist Kunst?

Bezeichnung für die Gesamtheit des von Menschen Hervorgebrachten, das nicht durch eine Funktion eindeutig festgelegt oder darin erschöpft ist, zu dessen Voraussetzungen hohes und spezifisches Können gehört und das sich durch seine gesellschaftliche Geltung als Ausdruck von Besonderheit auszeichnet.*

*Meyers Universallexikon, für Martin Eller die zutreffendste Definition.

Was wirkliche Kunst ist und welche Werke die Jahrhunderte in Museen überdauern, entscheiden künftige Generationen. Dann wird nämlich notwendig die Bedeutung der Kunst allein am Werk gemessen. Der heute betriebene Personenkult um die akademische Avantgarde des spekulativ aufgeheizten Kunstbetriebes ist Personen-Kitsch - "so nenn' ich's"!- und ist abzulehnen. Die akademischen Salonmaler-"Fürsten" im Paris des neunzehnten Jahrhunderts sind heute nahezu vergessen, während der nichtakademische Impressionismus einer Gruppe autodidaktischer Laien die Jahrhunderte in den Museen überdauern wird. Innovationen in der Kunst kamen seit Anbeginn der Kunstgeschichte immer vom Rand des Kunstgeschehens, von außerhalb der Gilden, Zünfte, Schulen und Akademien. Kunst kann nicht gelehrt oder nach Vorgaben ausgeübt werden.
Was Kunst in der Zeit bedeutet und welcher Wert ihr beigemessen wird, liegt - legitim - im subjektiven Empfinden der Betrachter. Liegen sie richtig, wird man das Werk in der Zukunft im Museum sehen. Natürlich sind viele Maler heute zu unrecht vergessen und vieles Gutes ist verlorengegangen, man denke allein an die Zerstörungen im Weltkrieg. Aber richtig gute Kunst wird auch oft erhalten, über die Jahrhunderte, und oft kennt man noch nicht einmal den Maler beim Namen, wie etwa den Meister des Paradiesgärtleins, den man allein an seiner überragenden Malerei in nur zwei oder drei erhaltenen Werken kennt.

 

Über Maltechnik

Öl auf Papier

Durch Studien und Kopierarbeiten über John Constable und Jean Baptiste Camille Corot bin ich vor zwanzig Jahren schon auf die Technik Öl auf Papier gekommen. Das ist ein wunderbares Material für Freilichtarbeiten, leicht und flüssig zu bemalen und überaus haltbar, wie etwa bei Corots Brücke bei Narni gut zu sehen. Sehr nützlich ist diese Technik auch, weil man mit den leinölgetränkten Papieren gleich einen schön getönten Malgrund erhält, der für Himmelsstudien als Kontrastgrund sehr gut geeignet ist. Bei Kurt Wehlte findet man noch die Anleitungen zum Selbstgrundieren des Papiers.

 

Ölmalerei

Entgegen landläufiger Meinung ist die Ölmalerei die technisch einfachste Maltechnik überhaupt. Sie ist das beste Mittel zur naturwahren Darstellung, daher hat sie sich seit der Renaissance überall durchgesetzt. Wer anderes behauptet, hat entweder keine Ahnung oder macht bloß Reklame.

 

"Geheimnisse" in der Maltechnik

Behauptungen zu mystischen Geheimnissen in der Malerei, über rätselhafte Farben aus dem Orient, alchimistisch aufbereiteter Essenzen, notwendiger, heute leider nicht mehr zu erlangender Weihen und so weiter, sind Unsinn oder bloß Reklame. Die kombinierte alla-prima-Ölmalerei auf sorgfältiger Zeichnung und Tempera-Untermalung folgt ausschließlich rationalen Erwägungen. Sie ist das Ergebnis der Jahrhunderte währenden Entwicklung seit Jan van Eyck, wobei technische Neuerungen, wie etwa optische Projektionsspiegel oder chemisch ausgefällte Farben, immer wie selbstverständlich benutzt wurden.

 

Kunstwerke bewerten

... sollte man erst nach wirklich gründlicher Betrachtung, oder gar nicht; wenn etwas einem nicht gefällt, ist das keine Bewertung. Bewerten bedeutet ja: man maßt sich an, es besser zu können oder wenigstens glaubt man von einem zu wissen, der es besser gekonnt hätte, oder man versteht das Kunstwerk gar nicht und verwechselt dies nicht-verstehen mit einem falschen Wert, der sich in der bewertenden Betrachtung aufdrängt. Unter diesem Licht betrachtet ist es mir bis heute rätselhaft geblieben, wie die spekulativen Preise für Kunst im Handel oder in den Galerien, noch schlimmer bei Versteigerungen, zustande kommen. Das da viel schief geht, weiß man nicht erst seit dem Skandal um die vorgebliche Sammlung Jägers und der unrühmlichen Rolle von Lempertz. Eine Himmelsstudie von einem durchschnittlichen Landschaftsmaler um 1820, las ich heute im Feuilleton, kostet heute bei einer Versteigerung 12.000 Euro. Dergleichen Studien habe ich viele herumliegen, nicht besser und nicht schlechter als das angeführte Beispiel. Überdauern die 180 Jahre und kommen dann auf eine Kunstmesse oder in eine Auktion, werden dann auch solche Preise bezahlt werden, nur weil sie dann alt sind? Die Preise sagen nicht viel aus. Wie wollen wir die Plastik der Uta im Naumburger Dom bewerten im Gegensatz zu einer von Giacometti? Hat man es mit einer modernen Nachbildung des Dürer-Hasen aus grell-buntem Plastik zu tun, wird sich wohl ein anderes Wertgefühl einstellen.

 

Kunst & Kulturbegriff

'Kunst' oder 'Kultur' sind an sich keine Wertbegriffe. Die fälschliche Annahme, es handele sich um Wertbegriffe, führt zu unsinnigen Schlußfolgerungen. Ein absoluter Kunstbegriff mit seinen abgeleiteten Werturteilen ist eine überkommene Vorstellung aus wilhelminischer Zeit und ist zurückzuweisen.

 

Aufgabe der Kunst

Aufgabe der bildenden Kunst ist es, durch sich selbst wirkende kulturbildende Kraft zu sein. Sie muß einen kulturell verständlichen Eingang bieten und zugleich Interpretationsspielraum aufweisen für anhaltende intellektuelle Betrachtung. Nur wenige zeitgenössische Malereien erfüllen diese Forderungen.

 

Meisterkopien

Die Meisterkopie ist eine formatgleiche, werk- und materialgerechte Kopie eines Kunstwerkes, die ein Maler nach dem Vorbild eines anerkannten oder alten Meisters anfertigt. Zum Lernen ist sie vorzüglich geeignet. Durch heutige billige Ink-Jet-Druckverfahren nahezu vollständig verdrängt und durch wertlose Massenware aus Asien in ihrem Ruf beschädigt, wird die Meisterkopie nur noch von wenigen sachkundigen Liebhabern geschätzt.

 

Portraitmalerei

Gemälde, die Portaits oder menschliche Figuren in Genreszenen darstellen, werden von diesen vollständig beherrscht. Bei Portraits wird der Betrachterblick direkt auf die Augen des Modells gezogen, wenn klassische Kompositionsregeln beachtet wurden. In dem bekannten Axiom von Paul Watzlawick heißt es für psychologische Situationen in der Kommunikation: "Man kann nicht Nicht-Kommunizieren"; dieser Satz ist auf die Betrachtung von Portraitmalerei übertragbar. Ein den Betrachter stärker in den Bann ziehendes Sujet gibt es nicht.

 

Physikalische Grenzen

Das Problem in der Malerei ist die unzureichende Reflexwirkung der verwendeten Pigmente. Das Sonnenlicht ist am hellsten Tage gegenüber der dunkelsten mondlosen Nacht 800.000fach heller. Das wichtigste Pigmentweiß, das Titandioxidweiß, ist gegenüber dem dunkelsten Schwarz, dem Elfenbeinschwarz, aber nur 90fach heller. Jede Malerei ist daher allein schon aus physikalischen Gründen notwendig Abstraktion und Interpretation. Ludwig Wittgenstein setzt die Grenzen meiner Welt gleich mit den Grenzen meiner Sprache; für die Malerei sind die Grenzen meiner Welt gleich dem Rezeptionsvermögens meiner Augen. Das Reflektionsvermögen der Farbpigmente ist hierfür konstituiernde physikalische Voraussetzung, zusammen mit dem Sonnenlicht.

 

Fortschritt

Die chemischen und physikalischen Bedingungen bei der Filmbildung (osmotischer Druck, Kohäsion und Adhäsion, Pigmentbenetzung, Oxidation öliger Bindemittel, Lichtechtheit), und die Einflüsse der Umwelt auf ein Gemälde (UV-Strahlung, Luftverschmutzung, hygroskopische Eigenschaften des Malgrundes) sind erforscht. Es fehlt aber eine einheitliche, fundierte Zusammenfassung der Maltechnologien in einem Buch; die Arbeiten von Doerner und Wehlte sind durch viele Neuauflagen und nachlässige Überarbeitungen nicht aussagefähiger oder klarer geworden.
Ein Gemälde ist kausal ein technisches Werk, dessen Aussagefähigkeit durch technische Ausdrucksmittel bedingt ist und bei einwandfreier Fertigung lange erhalten bleibt, oder wegen technischer Mängel vorzeitig untergeht. Maltechnik bestimmt wesentlich die Erscheinung oder Anmutung eines Gemäldes. Die Delegation maltechnischer Problemlösungen an die Farbenindustrie führte zu eingeschränkten Kenntnissen bei den Anwendern von Industriefarben und in der Folge zu überall gleicher Arbeitsweise mit sich ähnelnden Ergebnissen; Maler, die Ihre Werkstoffe selbst zubereiten, entgehen leichter solchen Gefahren.
Zu allen Zeiten verwendeten die Maler die jeweils modernsten Werkstoffe und Hilfsmittel, die sie beschaffen konnten (die billigere Leinwand löste die teuren und kleinformatigen Holztafeln ab, die optischen Linsen, Projektionsspiegel und die Camera obscura das Augenmaß, das künstlich ausgefällte Ultramarinblau den Lapislazuli usw.) Zu keiner Zeit standen den Malern bessere Werkstoffe und Hilfsmittel zur Verfügung als heute.

 

Persönliche Voraussetzungen

Wesentlich ist die Freilegung einer Vielzahl bildhafter Sinneseindrücke aus der Kindheit, die das Gelingen malerischer Verständigung ermöglichen. Liebe zu handwerklichen Tätigkeiten und Interesse an Kunstgeschichte erleichtern die Arbeit ebenso, wie Unabhängigkeitssinn und Durchhaltevermögen. Ein Maler braucht kaufmännische Kenntnisse, die ihm die unabhängige Wahrnehmung seiner wirtschaftlichen Interessen ermöglichen; auf nachhaltige Unterstützung durch Dritte darf heute kein Maler mehr rechnen.

 

Kultur als Voraussetzung

Kultur ist im weitesten Sinne alles, was der Mensch gestaltend hervorbringt. Mithin ist die Schaffung von Kunst ein Teil der Kultur. Jede Kultur hat auch stets Kunstwerke hervorgebracht und ist häufig nur noch an diesen zu erkennen und einzuordnen.
Der lange Streit in der Philosophie über die Frage, ob erst in der Kunst der Mensch sich und seine Welt entwirft und damit Kunst die Voraussetzung der Kultur sei, hat die Inferiorität der Kunst unter der Kultur herausgestellt. Martin Heidegger hat die Kunst isoliert von Kultur betrachtet und beinahe in eine neue Metaphysik hineingedacht: "Kunst ist Entbergung des Seins des Seienden". Kunst habe nicht viel mit der Kultur zu tun, meinte Gottfried Benn: "Kunst ist nicht Kultur ... Die Welt des Kulturträgers besteht aus Humus, Gartenerde, er bearbeitet, pflegt, baut aus ... er glaubt an die Geschichte, er ist Positivist. Der Kunstträger ist statistisch asozial".
Heute wird Kunst und Kultur stets zusammengedacht, von "Kulturämtern" verwaltet, von Kunstvereinen subventioniert. Ob unter solchen Bedingungen wirkliche Kunstwerke entstehen, die die Jahrhunderte überdauern, ist fraglich. Ohne Kultur (im ursprünglichen Wortsinne) besteht aber keine Möglichkeit für Kunst. Erst durch materiellen Überfluß in einer Kultur können Kunstwerke entstehen.

 

Über Landschaften

Die Landschaftseindrücke aus meiner Kindheit haben mich zur Malerei gebracht. Ich habe sehr viele, exakte bildhafte Erinnerungen an Landschaften, die mit Stimmungen und Gerüchen und Gefühlen des Wohlbefindens verbunden sind; manchmal auch mit Einsamkeit.

 

Grenzen der Wahrnehmung

Unsere Wahrnehmung kann sich ausschließlich auf den Landschaftsraum beziehen. Alles innerhalb des Landschaftsraumes ist systemisch auf sich zurückbezogen, erfahrbar und damit darstellbar. Eine Grenze sich vorstellen, hieße ja auch darüber hinaus denken können. Es sind aber unbeweisbare Behauptungen, wenn etwa ein bekannter Künstler so lächerlich wie unsinnig behauptet, er male mit seinem 'Astral-Leib kosmische Erfahrungen'. Wittgenstein sagt, das Ich gehöre nicht zur Welt, es sei eine Grenze der Welt. Zur Welt gehört aber unbedingt mein Material, mein Werkzeug, meine Leinwand, welche durch die Möglichkeiten der Welt logisch bestimmt sein müssen.

 

Landschaftsraum

Alles ist im Landschaftsraum. Der konkav gebeugte Landschaftsraum umschließt die konvexen Körper aller Lebensformen. Diese bedürfen des Landschaftsraumes für ihr Sein. Durch endogene und exogene geologische Dynamik, Evolution und Kulturbearbeitung durch Menschen ist der Landschaftsraum geformt. Leben, wie wir es kennen (hier ausgenommen submarines Leben), entsteht nur im Landschaftsraum, an der Grenze zwischen Lithosphäre und Atmosphäre. Der Landschaftsraum ist der Urgrund von allem. Der Landschaftsraum ist die Natur.
Malerei bezieht sich immer auf den Landschaftsraum mit dem darin Seienden. Jede Ausdrucksform in der bildenden Kunst stellt daher letztlich nichts anderes als den Landschaftsraum oder Teile desselben dar, selbst wenn sie sich noch so abstrakt oder konzeptionell gibt: Malerei a priori gibt es nicht. Ob der Landschaftsraum menschenleer oder ob vom Landschaftsraum eine Kammer abgeteilt ist, in der ein Stilleben arrangiert wurde oder in der Menschen agieren, bleibt gleichgültig; es ist kausal der selbe Raum im einzigen Licht, dem Sonnenlicht.

 

Der Landschaftsraum als Bedingung der Malerei

Im Landschaftsraum ist jede Form, jede Farbe und jeder Kontrast an irgendeinem Ort der Welt schon vorhanden, bevor die Malerei sie gefunden hat. Jeglicher Werkstoff ist mittelbar oder unmittelbar dem Landschaftsraum entnommen und daher durch die Bedingungen des Landschaftsraumes logisch determiniert.

 

Sonne

Als Energielieferant ist die Sonne die Ursache aller Lebensvorgänge (hiervon sind die vom Sonnenlicht unabhängigen Lebensformen an den submarinen hydrothermalen Quellen ausgenommen). Sie wurde in allen Hochkulturen religiös verehrt. Die Sonne liefert das gesamte Wellenspektrum an elektromagnetischer Strahlung, von der durch die (lebensnotwendige) Schutzfunktion von Atmosphäre und Erdmagnetfeld unter anderem der Teil zur Erdoberfläche gelangt, den wir als sichtbares Licht wahrnehmen. Jeglicher künstlicher Beleuchtung fehlt ein Teil des Wellenspektrums und die Energie ist zu schwach, um das Sonnenlicht vollständig ersetzen zu können.
Die Malerei ist sozusagen eine Form von Sonnenkult. Das Thema in jedem Gemälde ist letztlich das Sonnenlicht, wie es den Landschaftsraum und das Seiende darin beleuchtet, hervorhebt oder im Schatten versinken läßt. Auch nächtliche Darstellungen sind stets durch das letzte Sonnenlicht der Dämmerung oder durch das vom Mond reflektierte Sonnenlicht beleuchtet (hier auszunehmen wären etwa nächtliche Genreszenen mit künstlicher Beleuchtung, sofern sie bei dieser Beleuchtung gemalt wurden und - genau genommen - in diesem betrachtet werden).

 

Himmel

Der Himmel beherrscht als schönste, sich ständig ändernde und wirkungsmächtigste Naturerscheinung den Landschaftsraum. Der Himmel ist ein Diffusor, der Verteiler des Sonnenlichtes in der Landschaft.
Der Himmel besteht aus den flüchtigsten Elementen der uns umgebenden Natur überhaupt: Luft, Wasserdampf, Eiskristalle, Staubteilchen und dem Anteil der Sonnenstrahlung, der nicht vom Erdmagnetfeld oder der Ozonschicht abgewiesen wird. Dies sind keine Gegenstände. Himmelsmalerei ist daher kausal ungegenständliche Malerei. Himmelsmalerei ist aber auch nicht abstrakte Malerei, da sie reine Naturerscheinungen zeigt und nur funktioniert, wenn sie möglichst naturnah arbeitet: Malerei kann die stetige Veränderung im Himmel und seine unendlich vielen feinsten Variationen in Farbe und Licht nicht durch einen formalen Malakt nachstellen.

 

Licht

Das Licht fällt auf die Oberfläche der Gegenstände wie auch auf ein Gemälde. Die Farben des Gemäldes reflektieren und absorbieren das Licht: die Farbe rot absorbiert alle anderen Wellenlängen des sichtbaren Lichts und reflektiert nur rot an die Netzhaut unseres Auges. Schwarz absorbiert alle Wellenlängen und reflektiert nur wenig Licht und erscheint damit als nicht-Licht, eben schwarz. Weiß reflektiert das ganze Lichtspektrum und strahlt damit heller als andere Farben. Ein Gemälde ist deshalb primär ein Reflektor für elektromagnetische Wellen des Wellenlängenbereichs von 711 bis 389 Nanometer; das Licht selbst zu malen ist physikalisch unmöglich.
Durch atmosphärische, geologische, biologische und zeitliche Einflüsse bedingte Farben und Farbwirkungen an einem Ort, wodurch nur ein Teil des Wellenspektrums des sichtbaren Lichtes zu sehen ist, entstehen die unterschiedlichsten Stimmungen. So wie etwa bei einem Sonnenuntergang alles gerötet erscheint, weil die Sonnenstrahlen durch die konkav gewölbte Atmospäre zu dieser Tageszeit einen sehr langen Weg durch die Luft nehmen müssen, um an unser Auge zu gelangen, wodurch vor allem die roten Wellenlängen sichtbar sind, die die Atmosphäre wegen ihrer höheren Strahlungsenergie leichter durchdringen können.
Alle Stimmung im Gemälde hängt letztlich an der Lichtführung im Bild, unabhängig vom Bildinhalt.

 

Freilichtmalerei

Freilichtmalerei ist eine (romantisch-pathetisch überhöhte) Vorstellung aus dem 19. Jahrhundert, der auch ich jahrelang nachging und als einzig wahre Arbeitsweise gelten lassen wollte. Zum lernen und für Studien ist sie hervorragend geeignet. Wirklich gute und sorgfältig ausgewogene Farbergebnisse aber erzielt man (gerade bei großen Bildern) nur bei absolut gleichbleibender Beleuchtung im Studio, ohne jede Ablenkung. Die Gemälde hängen später ebenfalls in geschlossenen Räumen und müssen auch bei unzureichendem Licht aussagefähige Wirkung haben. En-plein-air gemalte Bilder müssen daher immer noch einmal unter Innenraumbeleuchtung überarbeitet werden, um eine geschlossene, harmonische Wirkung zu bekommen. Alle großen Freilichtmaler (John Constable, Jean-Baptiste Camille Corot, die Schule von Barbizon, Eugene Boudin, Johann Barthold Jongkind, die Impressionisten Camille Pissaro, Alfred Sisley, Claude Monet, Paul Cézanne) haben deshalb ihre Landschaften im Atelier fertiggestellt.

 

Große Maler

Jan Vermeer van Delft ist wegen seiner technischen Vollendung, Qualität der Lichtführung und der modern-rationalen Darstellung stofflicher Anmutung in seinen Genre-Gemälden zu bewundern. Albrecht Dürer beeindruckt durch seine bescheidene Handwerkermentalität in seinen Schriften, von der sich seine kühnen Kunstwerke exorbitant abheben. Paul Cézanne, dessen Landschaftsgemälde ich durch meine Berufsarbeit als Meisterkopist eingehend studierte, ist der wichtigste Maler des 20. Jahrhunderts. Sein Werk gilt zurecht als der zweite Beugungswinkel in der (als Parabel gedachten) Kunstgeschichte nach Giotto di Bondone und dessen meisterlichen Fresken. Wegen seiner meisterhaften Anwendung der Temperamalerei gefällt mir die Arbeit von Andrew Wyeth. In meiner Jugend war ich fasziniert von Konrad von Soest und seinem Wildunger Altar.

Aphorismen

  • Mir dagegen ist die Klarheit, die Durchsichtigkeit, selbst Zweck.
    Ludwig Wittgenstein (1889 - 1951)
  • Quand la couleur a sa richesse, la forme a sa plénitude.
    (Wenn die Farbe sich in ihrem Reichtum entfaltet, entfaltet die Form ihre Fülle.)
    Paul Cézanne (1839-1906)
  • Ein Bild muss wirken wie eine geniale Improvisation.
    Arnold Böcklin (1827-1901)
  • Es ist fraglich, ob die Natur überhaupt 'aussieht'. Es ist fraglich, ob die Welt einen festen Aspekt bietet. Es könnte sein, daß die Augen ein Netzwerk ins Dunkel auswerfen, welches eine dem Menschen faßbare Welt durch den Menschen selbst entstehen läßt ...
    Willi Baumeister (1889 - 1955)
  • Kunst ist eine Harmonie parallel zur Natur.
    Paul Cézanne  (1839-1906)
  • Das 'Werk'! - es ist Trug! Es hat den Ehrgeiz, glauben zu machen, dass es nicht gemacht sondern entstanden und entsprungen sei ... nie ist ein Werk so hervorgetreten, es ist ja Arbeit. Kunst-Arbeit zum Zwecke des Scheins! Das 'Werk'! Es ist etwas, wovon der Bürger möchte, es gäbe das noch.
    Thomas Mann (1875 - 1955), Doktor Faustus
  • Keiner gelaub ihm selbs zu viel. Dann Viel merken mehr dann Einer. Wiewol das auch müglich ist, dass etwan Einer mehr versteht denn Ander hundert, so geschicht es doch selten. Der Nütz ist ein großer Teil der Schonheit. Dorum was unnütz ist am Menschen, das ist nit schön. Hüt dich vor Überfluss. Die Vergleichung Eins gegen dem Anderen, das ist schön. … Es ist auch im Ungleichen ein große Vergleichung ... Item der Mangel an eim idlichen Ding ist ein Gebrech. Dorum zu viel und zu wenig verderben alle Ding.
    Albrecht Dürer (1471 - 1528)
  • Bemalte Leinwände sind Löcher ins Ideale, durchgebrochen durch die stumme Realität der Mauer, kleine Ausluge ins Unwahrscheinliche, in das wir hineinschauen durch das hilfreiche Fenster des Rahmens.
    José Ortega y Gasset (1883 - 1955)
  • Der den Meisterkopisten unter den Künstlern gemachte Vorwurf, sie ahmten nur ein Bild nach, ist haltlos: Es erfordert viel mehr malerisches und handwerkliches Können, ein Meisterwerk zu kopieren, als neue Gemälde zu schaffen.
    Kurt Wehlte (1897 - 1973)
  • Mir dagegen ist die Klarheit, die Durchsichtigkeit, selbst Zweck.
    Ludwig Wittgenstein (1889 - 1951)
  • Im Werk der Kunst hat sich die Wahrheit des Seienden ins Werk gesetzt.
    Martin Heidegger (1889-1976)
  • Kunst ist Entbergung des Seins des Seienden. ... Van Goghs Gemälde ist die Eröffnung dessen, was das Zeug, das Paar Bauernschuhe, in Wahrheit ist ... Im Werk ist, wenn hier eine Eröffnung des Seienden geschieht in das, was und wie es ist, ein Geschehen der Wahrheit im Werk.
    Martin Heidegger (1889-1976)
  • Kunst, die: Bezeichnung für die Gesamtheit des von Menschen Hervorgebrachten, das nicht durch eine Funktion eindeutig festgelegt oder darin erschöpft ist, zu dessen Voraussetzungen hohes und spezifisches Können gehört und das sich durch seine gesellschaftliche Geltung als Ausdruck von Besonderheit auszeichnet.
    (Meyers Universallexikon)
  • Item es geziemt einem Moler, so ein Bild in seinen Gewalt gesetzt würd zu machen, dass er dasselb auf das Schonest mach, so er kann. Was aber die Schonheit sei, das weiß ich nit. Idoch will ich hie die Schonheit also für mich nehmen: Was zu den menschlichen Zeiten van dem meinsten Teil schön geachtt würd, des soll wir uns fleißen zu machen.
    Albrecht Dürer (1471 - 1528)

 

__________
2017-09  Durchgesehen, Korrekturen in der Textgestaltung.